Lesenswert - Impulse, Gedanken & Geschichten von Kerstin

Tatort: Frau

Eine humorvolle Ermittlung in ganz eigener Sache

Tatort: Frau * Tatzeit: ca. 45 - 55 * Vorwurf: Wechseljahre

Seit Tagen lässt mich eine Frage nicht los:

Warum heißen die Wechseljahre eigentlich Wechseljahre?

Ich könnte googeln. Aber mit fünfzig hat man wieder Lust, nicht mehr nur Wissen zu konsumieren, sondern selbst zu ermitteln.

Also habe ich eine Akte angelegt, Zeugen befragt, mich selbst, meine besten Freundinnen, meinen Badezimmerspiegel, und Beweise gesichert.

Ergebnis vorab:

Der Name ist kein Zufall. Es wechselt gründlicher, als jedem lieb ist.

Beweisstück eins: der Körper macht, was er will

Die Figur wechselt das Aussehen, auch ungefragt.

Der Stoffwechsel beschließt eigenmächtig, eine Gangart runterzuschalten.

Die Falten werden tiefer. Ähnliches lässt sich von den Brüsten sagen.

Die Taille wechselt den Umfang, meistens nach oben. Manchmal verschwindet sie auch ganz.

Die Haare wechseln die Farbe, und zwar ungefragt. Manche wechseln gleich den Standort, von Kopf zu Gesicht.

Und die Post wechselt gleich mit: Früher kamen Liebesbriefe, heute kommen die Unterlagen zur Reha.

Beweisstück zwei: das Umfeld zieht mit

Die Kinder wechseln den Wohnort, am liebsten weit weg.

Die Freunde wechseln. Manche fliegen raus, neue fliegen rein, und das ist gut so.

Die Partys wechseln Beginn und Ende, beides deutlich früher.

Die Schuhe wechseln die Höhe der Absätze, ebenfalls nach unten.

Die Art zu reisen wechselt: von Ferienwohnung zu Hotel, von Malle zu Malediven, von Kinderanimation zu Wellnesslandschaft.

Und Männer, tja, Männer wechseln in dem Alter gern die Partnerin. Wir Frauen wechseln lieber die Batterien.

Beweisstück drei: es wechselt auch, was in uns drin ist

Unser Geduldsfaden wechselt die Länge, und zwar rapide.

Der Beruf wechselt die Priorität. Mal nach unten, weil Me-Time wichtiger wird als Geld. Mal nach oben, weil wir's nochmal wissen wollen

Die Ernährung wechselt, von lecker und fettig zu gesund und vernünftig.

Unsere Nervenstränge wechseln die Stärke, manchmal sind sie dünn wie Reispapier.

Unsere Getränkegläser wechseln samt Inhalt, nur der Anfangsbuchstabe bleibt gleich: von Wein zu Wasser.

Und die Toleranz anderen gegenüber wechselt auch. Nicht weil wir gnädiger geworden sind. Sondern weil uns manches schlicht nicht mehr interessiert.

Die Ermittlerin und ihre Qualifikation

Woher ich das alles weiß? Eigenrecherche!

Fast alles in Eigenrecherche, mal schmerzhaft, mal überfällig, mal überraschend.

Zu jedem einzelnen Punkt könnte ich dir eine Geschichte erzählen. Die meisten davon
habe ich selbst erlebt, live und ungeschminkt.

Und hier ist mein Urteil

Ich habe lange ermittelt.

Eigentlich wollte ich nur wissen, warum diese Lebensphase Wechseljahre heißt. Aber je tiefer ich in der Akte gesteckt habe, desto klarer wurde mir, warum ich sie überhaupt aufgemacht habe.

Es ging mir nie um den Namen.

Es ging mir um das, was am Ende übrig bleibt, wenn so viel wechselt.

Es ist der Blick!

Der Blick auf das, was wirklich zählt.

Dieser Blick wirdklarer, ehrlicher, echter.

Das Schöne daran:

Diese Klarheit muss niemand erst mit fünfzig lernen. Wer heute zwanzig oder dreißig ist, kann jetzt schon mutig sein, jeden Tag.

Kann aufhören, immer den sicheren, bequemen Weg zu gehen, der sich unmerklich zum Gefängnis der
eigenen Leichtigkeit entwickelt.

Keine Lebenszeit mehr damit verschwenden, ständig zu fragen, was andere wohl denken.

Niemanden wissentlich verletzen, ja. Aber auch nicht mehr jedem gefallen wollen.

Und wer mittendrin steckt, in den Wechseljahren, mit Hitzewallungen, kurzem Geduldsfaden und allem, was sonst noch dazugehört:

Du bist längst weiter, als du manchmal glaubst.

Diese Klarheit hast du dir nicht angelesen, du hast sie dir erlebt, Jahr für Jahr.

Deshalb hörst du inzwischen öfter auf dich selbst als auf andere.

Genau das ist die Klarheit, von der ich rede, und sie steht dir zu.

Fall gelöst!

Wenn eine junge Frau das hier liest und denkt "Ach, cool".

Wenn eine Frau mitten in den Wechseljahren es liest und denkt "YES!".

Und wenn ein Mann es liest und denkt "Ach so".

Dann war diese Ermittlung ein voller Erfolg.

Habt's fein! Eure Kerstin

Anmerkung: Wer es genauer wissen möchte: Laut Frauenärzte im Netz, dem Portal des
Berufsverbands der Frauenärztinnen und Frauenärzte in Zusammenarbeit mit der
Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, beginnt die Perimenopause
im Schnitt mit 47,5 Jahren. Im Alter von 52 Jahren hat etwa die Hälfte aller Frauen ihre
letzte Regelblutung. Die Wechseljahre, medizinisch auch Klimakterium genannt, sind
also keine Ausnahme, sondern eine ganz normale Lebensphase, die praktisch jede Frau
durchläuft.

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