Lesenswert - Impulse, Gedanken & Geschichten von Kerstin
16. Mai 2026

Pfannkuchen und der Streit, der keiner war - was unausgesprochene Erwartungen in Beziehungen anrichten

Niemand streitet gern.

Wir mögen Harmonie. Verständigung. Freundliche Gespräche. Streit fühlt sich dagegen unangenehm an – laut, unkontrolliert und irgendwie nach Scheitern.

Deshalb versuchen viele Menschen, ihn zu vermeiden. Sie schlucken Dinge herunter. Sie denken: „Ach, das lohnt sich jetzt nicht." Oder: „Ich will keinen Streit anfangen."

Das Problem ist nur: Was man runterschluckt, verschwindet nicht. Es sammelt sich.

Unausgesprochene Erwartungen – eine Geschichte über Pfannkuchen

Eine Freundin von mir hat das einmal sehr eindrucksvoll erlebt – wegen Pfannkuchen.

Während der gesamten Kindergartenzeit ihrer Kinder kochte ihre Schwiegermutter jeden Mittag für sie und die Enkel eine Kleinigkeit. Eigentlich nett gemeint. Sehr nett sogar.

Nur leider empfand meine Freundin es ganz anders.

Schon wenn sie die Haustür öffnete und Essensgeruch wahrnahm, spürte sie, wie sich innerlich Widerstand aufbaute. Trotzdem setzte sie sich jeden Tag mit den Kindern an den Tisch. Sie aß. Sie hörte zu. Aber wirklich entspannt war sie nie.

Ganz egal, welches Thema die Schwiegermutter ansprach – ein normales Gespräch kam kaum zustande. In ihr arbeitete längst etwas anderes.

Und dann kam der Tag der Pfannkuchen

Die Kinder kamen aus dem Kindergarten, liefen in die Küche – und freuten sich sofort. „Pfannkuchen!"

Für meine Freundin war das der Moment, in dem das Fass überlief.

„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du keine ungesunden Sachen kochen sollst!", rief sie ihrer Schwiegermutter entgegen.

Die war völlig überrumpelt. Sekunden später brach sie in Tränen aus.

„Jeden Tag stelle ich mich hin und koche für euch – und das ist der Dank?"

„Welcher Dank?", entgegnete meine Freundin. „Dafür, dass ich nach der Arbeit jeden Tag hier sitzen muss und Essen in mich reinschaufle, das ich gar nicht möchte? Oder dafür, dass meine erste Stunde zu Hause komplett verloren geht, weil wir hier am Tisch sitzen?"

Die Schwiegermutter schaute sie fassungslos an.

„Du musst hier essen? Du musst bei mir sitzen? Weißt du eigentlich, dass ich das nur für euch mache? Meine Freundinnen gehen jeden Mittag zusammen eine Walkingrunde. Wie gern würde ich da mitgehen. Aber ich bleibe hier – für euch!"

Was passiert, wenn stille Erwartungen aufeinanderprallen

In diesem Moment wurde es still.

Die beiden Frauen schauten sich an – und plötzlich wurde ihnen etwas klar: Beide erfüllten unausgesprochene Erwartungen der anderen, die es in Wirklichkeit gar nicht gab.

Meine Freundin dachte, sie müsse aus Höflichkeit jeden Tag mit den Kindern zum Essen kommen. Die Schwiegermutter glaubte, sie müsse täglich kochen, weil die Familie darauf angewiesen sei.

Laut Konfliktforschung entstehen viele Streitigkeiten genau so – durch stillschweigende Annahmen, die nie ausgesprochen werden, sich aber im Alltag festsetzen und irgendwann eskalieren. Gottman Institute

Wie Klarheit entsteht – wenn man endlich redet

Also setzten sie sich hin und sprachen endlich darüber, wie sie sich ihren Nachmittag eigentlich vorstellen.

Meine Freundin erklärte, dass sie nach dem Heimkommen gern erst einmal mit den Kindern in Ruhe in ihre eigene Wohnung gehen möchte. Ankommen. Durchatmen. Vielleicht gemeinsam eine Kleinigkeit zubereiten.

Und danach – danach würde sie sich tatsächlich sehr über Unterstützung freuen. Eine Stunde die Kinder nehmen.

Die Schwiegermutter lächelte. Endlich wieder zur Walkingrunde gehen.

So einfach war die Lösung. Und plötzlich waren alle entspannter.

Streit ist nicht das Problem – Schweigen schon

Der berühmte Pfannkuchen-Streit kam zwar spät – aber genau zur richtigen Zeit.

Denn manchmal braucht es einen Konflikt, damit endlich ausgesprochen wird, was längst zwischen den Zeilen steht. Streit ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass etwas schief läuft. Manchmal ist er der Moment, in dem unausgesprochene Erwartungen sichtbar werden, Missverständnisse geklärt werden – und Beziehungen ehrlicher werden.

Die eigentliche Kunst besteht nicht darin, Streit um jeden Preis zu vermeiden. Sondern darin, ihn rechtzeitig zu führen. Bevor sich zu viel ansammelt.

Denn sonst braucht es am Ende erst Pfannkuchen, damit Klarheit auf den Tisch kommt.

Wenn wir mutig sind und Dinge direkt, freundlich und respektvoll ansprechen, schenken wir uns selbst wertvolle Lebenszeit.

Habt's fein!

Eure Kerstin

Quellen: Friedemann Schulz von Thun, Kommunikationspsychologie; Gottman Institute

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